Hesselberg (1) und Burg Eppstein (2)

Über Ziele und Ziellinien

Am Samstag bin ich den Hesselberg hochgefahren, mit 518 Metern der höchste Berg des östlichen Hintertaunus, ich hätte vielleicht den Hinweis von Komoot ernster nehmen sollen, das es sich hier auf dem letzten Stück der Strecke um eine Gravel beziehungsweise Mountainbikestrecke handelt. Hab ich aber nicht und von daher mein Rennrad genommen. Hinterher ist man meistens schlauer.

Da stand ich nun im Schnee und Matsch, ohne Strasse mit Rennrad und noch Kilometer vom Ziel entfernt, aber der Berg zählt nur, wenn man ganz oben ist. Von daher war laufen angesagt, das Fahrrad auf der Schulter, die Füsse bis über die Knöchel im Matsch, erfreute Wanderergesichter gab es gratis dazu mit dem netten Hinweis dass das eventuell das falsche Fahrrad ist, da musste ich dann auch über mich selbst lachen. Was solls Ziel erreicht.

Für den nächsten Tag war ich besser vorbereitet, oder besser gesagt, ich hab mir die Streckenempfehlung zu Herzen genommen. Ausserdem hatte ich Begleitung von meinem Teamkollegen. Wir hatten uns verabredet zur Burg Eppstein zu fahren. Allerdings gab es da leider ein kleines Missverständnis was die Startzeit und Treffpunkt anging. Ich sass also noch mit dem Cafe auf meiner Coach als ich die Nachricht bekam, das mein Bikebuddy bereits am Bahnhof stand und auf mich wartete. Bei Regen, an einem kalten Sonntagmorgen. Und ich noch 25 Kilometer entfernt vom Treffpunkt. Ich bat ihn darum sonst einfach schon ohne mich zu fahren, wir hatten uns da wirklich falsch verstanden und ich wollte nicht das er so lange auf mich warten musste, vor allem nicht bei dem Wetter.

Aber, seine einzige Antwort war: mach dir keine Sorge, ich warte hier auf dich. Ich würd halt viel lieber mit dir zusammen darauf fahren. Für die 100 Berge und weil wir ja ein Team sind (und ich (Stella) eine Katastrophe manchmal).

Mich hat das auf dem Heimweg zum Nachdenken gebracht. Wenn da jemand ist der wartet, das bewegt nochmal etwas in uns (nicht zwangsläufig wenn es darum geht das man zu spät ist, sei an dieser Stelle angemerkt). Weil es ist nicht nur das Ziel, welches es örtlich zu erreichen gilt geht, sondern im Prinzip ist es viel mehr das Ziel nach dem Ziel. Es sind auch oft die Menschen, die auf uns warten, die so etwas nochmal besonders machen. Ziele sind oft nur Teilerfolge, vor allem auch Ziellinien, und da kenne ich mich mit aus, mit Ziellinien, behaupte ich zumindest.

In meiner ersten Ultralaufsaison hatte ich einen Rennkalender, aber keine besonderen Rennen, wo das eine wichtiger als das andere war. Ich habe die Saison mit dem Ziel gestartet 1000 Kilometer in Wettkämpfen zu laufen. Das war die grosse Zahl die ich erreichen wollte. Ich wollte nicht gewinnen, ich wollte 1000 Kilometer laufen. Warum 1000, weil ich mal mit einem Kilometer angefangen habe zu laufen, auf den ich bis heute stolz bin. Vor jedem Rennen in diesem Jahr hat mir ein Freund immer gesagt „wenn du im Ziel bist schreibst du mir eine Nachricht, ich warte darauf, und du kommst ins Ziel“. Das hab ich getan, jedes Mal, egal wie es mir ging. Ich hab es vor jedem Start versprochen und ich habe es jedes Mal gehalten.

Der letzte Lauf in dem Jahr war der Ultra Ibiza, nach Ibiza sind Freunde von mir mitgekommen, der erste Start ist Freitag ein Nachtlauf mit 12 Kilometer, am Samstag geht es dann um 5 Uhr Morgens weiter 88 Kilometer mit 4000 Höhenmeter über die Insel gefolgt von 10 Kilometer am Sonntagmorgen in der Altstadt von Ibiza. Ich habe so gelitten. Meine Beine hatten in der Saison schon über 5000 Trainingskilometer und die knapp 900 Wettkampfkilometer, von Mailand nach Rom bin ich in dem Jahr auch mit dem Fahrrad gefahren in 4 Tagen, es war Dezember und ich ganz dicht dran 3 Tage nonstop durchzuschlafen.

Ich bin am Samstag 1 Stunde nach dem Start auf den Klippen vor der Vedra gestürzt und habe mir das Knie aufgeschlagen, auf den letzten 12 Kilometer habe ich mich dreimal verlaufen und als ich auf dem letzten Felsen stand war mein Wasser leer. Es war dunkel, kalt und es hat geregnet, aber ich bin weiter gelaufen, bis ins Ziel und ich wusste das ich ein paar Stunden später wieder an der Startlinie stehen musste. Was ich auch wusste war aber, das eine Freundin von mir Pompoms gekauft hatte, weil sie gesagt, wenn ich wirklich die 1000 Kilometer schaffe, dann steht sie im Ziel und macht sich vor allen Leuten zum Idioten, mit Pompoms und schreit meinen Namen als Dankeschön, weil ich so vielen Menschen Mut gemacht habe das ganze Jahr über, mit ihnen trainiert habe und immer ein gutes Wort hatte, wenn es anderen mal nicht gut ging.

Am Sonntag bin ich über die Ziellinie gelaufen. Meine Freunde standen da und als ich oben an der Nekropolis der Altstadt von Ibiza zu sehen war konnte ich sie schon schreien hören. Wirklich schreien. Und hüpfen, mit Pompoms. Bergablaufen tut weh mit müden Beine, wenn man mich heute fragt, ich kann mich an keine Schmerzen mehr erinnern. Aber daran das mich Menschen in den Arm genommen haben mit Tränen in den Augen. Wir wussten zu dem Zeitpunkt nicht einmal das ich gewonnen habe. Aber ich hatte die 1000 Kilometer erreicht, etwas was in uns allen vieles bewegt hat in diesem Jahr. Mich haben in diesem Jahr diese Menschen dazu gebracht über mich hinauszuwachsen und ans Ziel zu kommen. Durch die kalte Nacht von Ibiza, mit einem Knie angeschwollen wie ein Luftballon, aber einem Willen der nur eine Richtung kannte.

Von dem Lauf habe ich nichts mehr, kein Finisher-shirt, keine Trophäe sogar meinen Lifebag habe ich verschenkt an die Menschen die mich begleitet haben. Was ich noch habe sind die Pompoms und die Erinnerung wie ich auf dem Berg stand und auf die Stadt sehe und weiss das ich dahin muss, weil es wichtig ist, weil ich versprochen habe das ich ankomme und Bescheid sage, weil diese 1000 Kilometer, die für mich eine Zahl und ein Ziel waren für andere Menschen sehr viel bedeutet habe. Weil sie ihnen Hoffnung gegeben hat. Das Ziel ist nie die Ziellinie, das Ziel ist die Bedeutung dahinter und was sie bewirkt. Wir können vieles erreichen wenn wir über das offensichtliche Ziel hinaussehen und gehen.

100 Berge – Ich hätte am Samstag auch einfach nur bis zum Ende der Strasse fahren können, aber dann wäre ich nicht oben auf dem Berg gewesen, ich hätte das Ziel nicht erreicht, aber jeder Berg zählt bei 100 Berge, nicht als Ziellinie oder Erfolg, sondern wegen der Idee dahinter. Also bin ich den ungemütlichen Weg gegangen und habe am Ende sogar über mich selbst gelacht. Der erste Berg. Neue Cleats brauch ich jetzt, die sind völlig hinüber.

Am Sonntag hätte ich auch einfach zuhause bleiben können, bei schlechtem Wetter, viel zu spät, aber mein Teamkollege hat auf mich gewartet. Der Berg zählt quasi doppelt. Er hat mich daran erinnert wie wichtig es manchmal ist, wenn da jemand ist der an das glaubt was du da tust und der das gleiche Ziel verfolgt. Nicht weil es einfach ist, oder etwas Besonderes, sondern weil wir es zusammen geschafft haben. Ganz ohne richtige Ziellinie sind wir und bin ich dem Ziel wieder ein Stück näher gekommen. Ich habe etwas gemacht was ich gern mache, ich habe Menschen getroffen und gelacht (auch über mich), ich habe mein Training für etwas sinnvolles genutzt und ich habe wieder erzählt, über das Radfahren, das Laufen, die Berge und das was mich bewegt. Den Berg hinauf #100Berge

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