Keine Berge – aber Deiche (7) – 100 Berge Special Edition

Dieses Wochenende habe ich mich auf den Weg in den hohen Norden gemacht, denn da komm ich her, aus dem Land zwischen den Meeren mit den unendlichen Horizonten, oder wie ich immer gesagt habe: „wenn man da auf dem Deich steht, dann sieht man heute schon wer am nächsten Tag zu Besuch kommt.

Dort oben gibt es zwar die Holsteinische Schweiz und auch Alpen, so wirklich Berge sind es aber nicht, dafür aber Deiche und die unendliche Weite. Und Wind, von allen Seiten.

Begleitung hatte ich dieses Mal von meinem Everestingkollegen dem Dude van Holstein, der auch diese Tour komplett geplant hat, dafür schonmal ein ganz grosseres Dankeschön. Und vor allem, seit dieser Runde ist er nicht mehr der Dude, sondern der Deichgraf.

Insgesamt konnten wir 2111 Höhenmeter auf unserer Runde quer durch Holstein sammeln, wofür wir allerdings einiges an Strecke zurücklegen mussten. Wir haben den östlichsten Punkt Schleswig-Holsteins besucht, und sind dafür zu Mitternacht über die Fehmarn-Sund-Brücke gefahren, sind einmal von der Ostsee zur Nordsee zu fahren um dann die gesamte Nordseeküste bis zur Elbe, entlang des Meeres Richtung Süden unsicher zu machen. Deiche rauf und runter. Wie oft wir zwischen binnen und butten Deich gewechselt sind weiss ich nicht mehr. Aber an der Stelle wo es wichtig war, waren wir draussen, am Meer von Westerhever und konnten bei klarer Sicht bis nach Pellworm sehen, die Insel auf der ich als Kind so oft in den Pflaumenbaum geklettert und mit dem Rad auf dem Deich meinen Opa in den Hafen hinterhergefahren bin.

Pellworm, ein Ort, den man bis heute nur mit dem Schiff erreichen kann, mein Opa war hier Kapitän, und viel habe ich von ihm gelernt. Über das Meer und die Weite und wie wichtig es ist sich gut orientieren zu können, wie Sterne einen den Weg weisen und man einen Kompass benutzt. Meine Oma hat den besten Apfelkuchen der Welt gebacken, ein Rezept hatte sie nie dafür, das macht man nach Gefühl. Ich konnte mich von beiden nie verabschieden, das haben ich dann am letzten Wochenende gemacht, mit dem Blick rüber nach Pellworm. Ich habe als Kind einen Ring von meiner Oma bekommen, mit einem Aquamarin, der Schutzstein der Seefahrer, am letzten Wochenende hat meine Mutter mir noch einen Ring von ihr gegeben, es ist ein Bergkristall, weil ich die Berge so liebe.

Aber zurück zu unserer Tour, es war kalt, es war dunkel und es war windig, als wir uns Donnerstag Nacht auf den Weg nach Fehmarn machten, auf der Brücke gab es kein Halten mehr, die Fahrräder wurden von links nach rechts gedrückt in der Dunkelheit. Es war so kalt, das wir auf der Rückfahrt bereits alle Jacken die wir bei uns hatten angezogen hatten, Wärmepflaster auf den Füssen und am ganzen Körper verteilt, warm wurden wir nicht mehr. Wir entschieden uns die Nacht durchzufahren, denn eine andere Option hatten wir eh nicht. Gemeinsam haben wir dann am nächsten Morgen Lübeck erreicht. Fast 250 km auf dem Fahrrad waren wir nur eins, müde. Ein Spielplatz, war zwar nicht die beste Möglichkeit sich auszuruhen, aber zumindest etwas. In Notfalldecken eingewickelt hofften wir das es langsam wärmer werden würde, in der Nacht waren die Temperaturen unter den Minuspunkt gesunken. Wir mussten unseren Ursprungsplan ändern.

Unsere Piratenburg in Lübeck

Ich sage extra das wir den Plan ändern mussten und nicht das unser Plan 1000 Kilometer am Stück durchzufahren gescheitert war, denn ein wirkliches Scheitern war es nicht, sondern eher der Beweis dafür das man auch wenn nicht alles perfekt ist immer noch etwas tolles und erfolgreiches daraus machen kann.

Treffpunkt: zur Geisterstunde am Bahnhof

Wir entschieden uns also in der Nacht von Samstag auf Sonntag mit der letzten Bahn nach Flensburg zu fahren und von dort um 1 Uhr entlang der Dänischen Grenze zur Nordsee zu fahren, es war noch kälter als in der letzten Nacht, ich hab nur noch den Kopf runter genommen auf die weisse Linie geblickt und bin gefahren. Was wir die ganze Nacht durch hatten ausser eisige Kälte war jede Menge Spass, wir haben uns hundertmal gefragt warum wir eigentlich schon wieder so eine Aktion starten, waren wir doch schon am Freitag völlig unterkühlt, müde und am Ende gewesen. „das ist wie Klassenfahrt, da bist 3 Tage unterwegs und am Ende hast nix gelernt.“ Das wird der Spruch in unserem Reisepoesie-Album, genau wie unser Motto „wenn wir nicht mehr weiter wissen, fahren wir erstmal weiter“. Und genau das haben wir an diesem Tag auch gemacht.

In Husum gab es Frühstück und ein paar Holsteinische Geschichten über meinen Uropa, der mit dem Segelboot um die Welt gefahren ist um dann im Husum Hafen sein Leben zu lassen, weil er nicht schwimmen konnte.

Deiche rauf und runter, Zwischenstopp am Eiderspeerwerk, die besten Waffeln von der ganzen Nordseeküste und viele Menschen die uns fragten wo wir denn herkommen und erstaunt blickten, wenn wir sagten das wir heute schon fast 300km gefahren waren.

Eiderspeerwerk

Höhenmeter haben wir also geschafft, keine Berge, aber Deiche und unendlichen Horizonte.

Was wir vor allem geschafft haben, egal welche Hindernisse uns im Weg standen, und das waren an diesem Wochenende einige, und egal ob wir unseren Plan anpassen mussten, wir haben sie alle überstanden. Und das hat dieses Wochenende perfekt gemacht, auch wenn es überhaupt alles andere als perfekt war. Wir haben nie den Spass daran verloren an dem was wir machen, haben gelitten, gelacht und uns verfahren, sind wieder auf den Weg gekommen und haben ein Ziel erreicht, welches wie ich glaube das wichtigste ist: wir hatten eine tolle Zeit und haben uns trotz aller Widrigkeiten nicht unterkriegen lassen.

Zusammen ist alles schwere nur halb so schwer und alles Gute doppelt so gut. Wenn wir unser Kilometer zusammenrechnen sind wir sogar über 1000 Kilometer gefahren, alles eine Frage der Ansicht.

Wir haben Menschen zum Staunen gebracht und ich habe seit langer Zeit die Nordsee wieder gesehen.

Ein grosses Dankeschön an den Deichgrafen. Der „Berg“ ist für meinen nördlichsten Fahrradkollegen, der eigentlich am Sonntag noch die 400 Kilometer vollmachen wollte. Das machen wir noch, beim nächsten Mal dann, das wird richtig gut 🙂

#cyclingforkids #radfahrenfürkinder #100Berge #Mountainsmatter

2 Kommentare zu „Keine Berge – aber Deiche (7) – 100 Berge Special Edition

  1. Wann man es liest, wäre man gerne dabei gewesen. Respekt für diese tolle Runde. Und ich hoffe immer noch, das es zum Schluss ein Buch wird :-). Deine Berichte lesen sich so spannend! Auch die kleinen familiären Geschichten am Rande sorgen für zusätzlichen Lesespaß
    Danke & mach weiter so

    Gefällt 1 Person

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